Großer Brachvogel zurück im Paderborner Land

In der Luft liegt der Geruch von Regen. Dazu flötet ein feiner Vogelruf über die Wiesen. Im Norden fließt die Lippe, im Süden steigt der Bergrücken des Haarstrangs an. Dazwischen liegt altes Bauernland. Störche seien hier nicht selten, sagt der Biologe Gerhard Lakmann. Der Mitarbeiter der Biologischen Station Paderborn-Senne betreut dieses Feuchtwiesen-Naturschutzgebiet – und deshalb ist er hier manchmal unterwegs, obwohl er weiß, dass er nicht willkommen ist. Als er auf die Wiese stapft, werden die Rufe aufgeregter, dann fliegen Vögel schleifenförmig auf und ab. „Das sind Große Brachvögel“, sagt Lakmann, „die kommen in NRW fast nur noch in Schutzgebieten vor.”

Lakmann greift zum Fernglas. Ein Paar steht vor dem Schilf, ein weiteres steht auf Abstand daneben, hinten fliegen weitere Brachvögel. „Das ist der Balzflug, der auch zum Markieren ihres Reviers dient“, sagt Lakmann. Zwölf Paare gebe es. Sie sind zurück aus ihren Winterquartieren an der Küste zwischen Nord-Wales und Süd-Spanien. Brachvögel kehren dorthin zurück, wo sie schon einmal erfolgreich gebrütet haben. Lakmann ist heute ein letztes Mal zur Zählung unterwegs, bevor die Brut beginnt. In einem Gebiet zwischen Geseke und Salzkotten. Genaueres verrät der Biologe nicht, Wiesenbrüter seien leicht zu stören.

Dass es die Vögel in der aufgeräumten Landschaft in NRW überhaupt noch gibt, ist ein Erfolg des Naturschutzes und Ergebnis öffentlich geförderter Projekte. Im Oktober 2020 wurde noch einmal nachgelegt, damals startete in NRW das Life-Projekt „Wiesenvögel NRW“. Finanziert wird dies mit insgesamt 19 Millionen Euro, die von der EU und vom NRW-Umweltministerium kommen. Bis Ende 2027 sollen so noch weitere Wiesen wieder zu echten Feuchtwiesen werden, in denen es zur Brutzeit keine Störung gibt. So wie jetzt gerade, auf den Wiesen bei Salzkotten. Doch selbst dieses Biotop erlebt neue Herausforderungen, wenn beispielsweise eingewanderte Tierarten das Gleichgewicht der Natur stören.

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Umgesetzt werden die Maßnahmen vom Landesumweltamt (Lanuv) und zehn Biologischen Stationen im Tiefland zwischen Rhein und Weser. Falls möglich, sollen auch weitere Flächen erworben werden. Derzeit ist geplant, 145 Hektar Land in den Kreisen Wesel, Soest und Minden-Lübbecke aufzukaufen.

Bereits in den 90er-Jahren konnten in NRW für den Artenschutz landwirtschaftliche Flächen gekauft werden – damals noch verhältnismäßig günstig. Die feuchten Wiesen waren für die Landwirtschaft ohnehin von geringem Nutzen. Für den Vogelschutz sind sie ein Segen. „Der Erwerb dieser Flächen und die naturverträgliche Bewirtschaftung hat deutliche Erfolge gezeigt“, erklärt Gerhard Lakmann. Im Jahr 2010 habe man bereits 700 Reviere des Großen Brachvogels in NRW gezählt. „Ohne diese Maßnahmen wäre die Art vielleicht sogar bei uns ausgestorben.”

Von solchen Schutzmaßnahmen profitieren aber auch andere Wiesenvögel wie Uferschnepfe, Rotschenkel, Bekassine, Wiesenpieper und Kiebitz. Dennoch sank der Bestand einiger dieser Arten ab Anfang der 2010er-Jahre wieder drastisch. Die Gründe dafür? „Klar ist, dass trockene Sommer eine Katastrophe für Wiesenvögel sind“, sagt Lakmann. Außerdem sei man einem besonders gierigen Räuber auf die Schliche gekommen. „Nach unseren Beobachtungen gehen bis zu drei Viertel der Nester durch sogenannte Prädatoren verloren. Im Verdacht hatten wir eigentlich Füchse, Marder oder Krähen.”

Fallen Gegen Räuber

Doch mit Wildkameras habe man herausgefunden, wer den Wiesenvögeln im Paderborner Land am meisten zusetzt: der Waschbär. “In dieser Dimension hätten wir das nicht für möglich gehalten, sein Einfluss ist viel größer als befürchtet.” Waschbären sind eigentlich in Amerika beheimatet, wurden aber bereits vor Langem nach Deutschleppting e. Sie rauben nachts Eier und Jungvögel. Vergrämen oder verscheuchen lasse sich das schlaue Tier kaum. Doch jetzt hoffen die Artenschützer auf eine Kooperation mit den örtlichen Jägern, sie sollen dem Waschbär mit Fallen Einhalt gebieten.

Die Waschbären machen es den Wildvögeln schwer

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Quelle: Getty Images/Ian Gwinn

Zu einer Wiese, auf der sich Vögel wohlfühlen, gehört das Wasser. Gerhard Lakmann zeigt am Rand des Schutzgebietes ein ehemaliges Niedermoor, der saftig-grüne Boden federt beim Gehen. Ein Bächlein fließt, auf den Wiesen gibt es Quellen. “Wir werden hier Stauwehre bauen, um den Wasserhaushalt zu regulieren.” Denn die benachbarte Feuchtwiese muss irgendwann auch wieder trocknen, schließlich will der Landwirt dort mähen. Nur so könne sich eine Wiese erhalten.

“Das muss bewirtschaftet und freigehalten werden”, erklärt Lakmann. Eine Fläche einfach nur als Naturschutzgebiet auszuweisen – das reiche nicht. „Feuchtwiesen sind eine alte Kulturlandschaft, ohne Landwirte geht es nicht.” Die Zusammenarbeit funktioniere seit vielen Jahren prima. Es gibt aber Regeln für die Bewirtschaftung: keine Düngung, keine Entwässerung, kein Pflügen, kein Walzen, keine Mahd vor Mitte Juni – dann können die Jungvögel fliegen.

Guter Beobachter

Wichtig für Wasservögel sind auch Blanken. „Das sind große, flache Pfützen ohne höheren Uferbewuchs. Dot findet der Brachvogel Nahrung, und er badet auch ganz gern.” Lakmann zeigt eine solche Blänke, sie ist etwa zwanzig Meter breit, dreißig Meter lang und einen halben Meter tief. Im Sommer trocknet sie aus, der Bauer kann beim Mähen durchfahren. „Wir können nun mehrere solcher Blänken anlegen und das Schutzgebiet endlich optimal gestalten“, sagt Lakmann. „Wir hatten diese Ideen schon seit Jahren in der Schublade. Jetzt haben wir das Geld, um sie umzusetzen.”

Der Biologe nimmt das Fernglas und blickt auf Eichen, Erlen und Weiden am Rand der Wiesen. Ein Schwarzmilan-Paar ist aus dem Winterquartier zurück und hat sich auf einem alten Baum niedergelassen. „Die Gehölze müssen regelmäßig ausgelichtet werden, auch dafür haben wir jetzt die nötigen Mittel. Die Landschaft muss übersichtlich bleiben, ein Brachvogel muss weit gucken können.” Darauf ist er als Bodenbrüter angewiesen. Die weit entfernten Bäume kommen als Ausguck nicht infrage. Ein paar Zaunpfähle auf der Wiese könnten helfen, sagt Lakmann, man wolle bald welche aufstellen. „Manchmal kann das ganz einfach sein.”

Ein Brachvogel hat ein gutes Auge. Artgenossen erkennt er von Weitem, einen kreisenden Milan beobachtet er ebenso wie einen Feldhasen, der sich in seiner Nähe in die Sasse duckt. „Auch uns haben die Vögel ganz genau im Blick“, sagt Gerhard Lakmann. Mit der 60-fachen Vergrößerung seines Fernglases sieht man den durchdringenden Blick hinter dem langen gebogenen Schnabel. Erst als die Besucher weit weg sind, nimmt der Vogel mit dem Schnabel Wasser auf und putzt gelassen und gewissenhaft sein Gefieder.

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